Glaubt man Dorothy aus „der Zauberer von Oz“, dann „ist es nirgends besser als daheim“. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, in Kansas gibt es auch kein Gartenfest. Oder sollte ich sagen „Garddefescht“?!
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Mein großer Schreibtisch mit dem noch größeren Schreibtischstuhl hat mich von Mannheim zurück aufs Land gelockt. Okay, Neckarelz ist jetzt nicht die ländliche Gegend schlechthin, aber im Vergleich zu Mannheim ist es doch ein ganz anderes Bild.
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Dieses Bild bot sich mir dar, als ich mich mit der Aussicht auf eine gratis Currywurst aufs „Garddefescht“ habe locken lassen.
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Ich bin übrigens fest davon überzeugt, dass irgendwo in mir eine Zeichenkünstlerin schlummert. Da die aber noch tief und fest schläft, zeichne ich das ländliche Idyll lieber mit Worten.
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Hier gibt es noch glückliche und aktive Kinder. Kleine Mädchen schlagen auf der Wiese Rad und purzeln unermüdlich über das Grün. An den Apfelbäumen hängen kleine, feste Äpfel, manche sind schon ins Gras gefallen. Ein Mädchen im lila Kleid wirft Stöcke in die Baumkrone.
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Und erschlägt uns fast damit, als wir uns unter dem winzigen Baum durchquetschen. Kein Wunder, dass es hier Fallobst gibt. Das hat natürlich Mucken angelockt und die wiederum fliegen mir ins Gesicht. Zu viel Natur.
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Die Bierbänke füllen sich mit Besuchern aller Generationen.
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Von dem üblichen Stammtisch-Rentner bis zu den dicken Kindern, die einen fast umrennen, ist alles dabei. Die betrunkene männliche Dorfjugend strullert ins Gebüsch und Hausfrauen führen stolz ihre Klamotten aus den 80ern aus. Auf den Köpfen vieler Frauen schimmert ein prächtiges Farbenspiel (man nennt das „fesch“) und selbst die jungen Männer schieben ihren Bierwanst stolz vor sich her.
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Hier kann man dem hektischen Alltag entkommen, mal abschalten. Immer muss man überall erreichbar sein und alle sitzen nur noch vor dem Computer statt sich zu unterhalten. Hier nicht. Hier lässt man „die Seele baumeln“, auch mal „fünf gerade sein“.
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Oder eine Apfelschorle eine Wurst. Zumindest stand das auf dem Getränkebon („bong“), den mir die zwei Herren nach langem Überlegen und hin- und herfuscheln gaben während einer von ihnen den Preis, durch seine Lesebrille schauend, in den Taschenrechner tippte.
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Sogar die Kleinsten helfen beim Festspektakel mit.
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Ich war ohnehin schon verwirrt, denn die Apfelschorle gab es nicht dort, wo es das Bier gab und auch nicht dort, wo es die Cola-Getränke gab. Meine Verwirrung wurde aber noch größer, als hinter dem Tisch ein kleines Mädchen (ca. 7-9) mich erwartungsvoll anblickte. Darauf folgten einige Momente seltsames Schweigen. Sie traute sich anscheinend nicht, mich anzusprechen, während ich noch überlegte (Was tut sie hier? Soll ich den Bon geben? Kriege ich dann auch was zu trinken? Oder türmt sie und ich muss mir wieder einen neuen holen? Oh bitte, ich will bei den zwei Vereinsältesten keinen neuen Wurstbon holen!). Ich spielte also auf Risiko und das Mädchen und zwei andere Kinder haben es unter großer Aufregung und mit viel Gewusel geschafft, mir ein Getränk zu bringen.
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Die Kapelle ruft zur Schunkelrunde auf. Nach einer kurzen Verschnaufpause sind die Musiker zurück auf der Bühne, nehmen Tuba, Gitarre, Schelle und Mikrofon in die Hand.
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Die Instrumente nahmen sie natürlich erst in die Hand, als sie die Bierkrüge und Weingläser leer getrunken und hinter dem Notenständer versteckt hatten. Bei der Schunkelrunde machte auch keiner mit, weil jeder damit beschäftigt war, sein halbes Hähnchen zu vertilgen.
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Die Heimatklänge verzaubern das aufmerksam lauschende Publikum in der Abenddämmerung. Mensch und Tier sind begeistert.
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In diesem Fall die grölende und angesoffene Dorfjugend, die aufgestanden ist, um das Badnerlied aus vollem Halse mit der Kapelle zusammen zu schmettern. Ein Hund wiederum war so begeistert, dass er seine dicke Besitzerin heftig an der Leine zog und sie mit Schwung nach vorne hinfiel. Keine Angst, ihr ist nichts passiert, sie ist sauber über die Plauze nach vorne abgerollt und gleich wieder aufgestanden.
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Aufgestanden und gegangen bin ich dann auch, die Wurst war aufgegessen, ich hatte mich über alles und jeden lustig gemacht und mehr gibt es auf dem „Garddefescht“ auch wirklich nicht zu tun.
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Ist Dorothy also verrückt, wenn sie sagt „es ist nirgends besser als daheim“? Nein, zumindest nicht, wenn man alles aus der Perspektive eines Rad schlagendes Mädchens betrachtet.*
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| Der Beweis: Die Künstlerin schläft wirklich tief und fest... sehr fest |
*Anmerkung der Redaktion: Die Autorin dieses Artikels könnte kein Rad schlagen, wenn ihr Leben davon abhinge.

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